Der Steilpass – Juli 2015

Der Steilpass Mai – Juli 2015
Eine Glosse von Siegbert Heid

Es gibt die Slapsticks des Alltages, der Politprofis, der hauptberuflichen Komiker, der Fußballer und der Journalisten. Ein Beispiel der ersten Kategorie wurde mir jüngst erzählt: Ein Cousin der Braut ist zur Hochzeit eingeladen. Er bringt seine Freundin mit. Sie wiederum spricht eine Anwesende mit den Worten an: „Sie sind sicher die Mutter der Braut ?“ „ Nein“, lautete die Antwort, „ ich bin die Schwester“. Da will man doch sofort im Boden versinken.

Mit einer irren Geschichte hat sich nun auch Velpke, eine Gemeinde in Niedersachsen in Erinnerung gerufen. Kriminelle haben den massenhaften Diebstahl von Gartenmöbeln aus Privatgrundstücken vorbereitet. Um sie schnell abzufahren, stellten sie dieselben ordentlich an den Straßenrand. Oma Diederichsen beobachtete das und glaubte an den Sperrmüll anderntags. Flugs stellte sie ihre alten Sessel dazu. Vor so viel Chuzpe flüchteten die Ganoven und ließen alles stehen.

Unter den Politprofis bekomme ich immer Gänsehaut, wenn Frau v.d. Leyen mit schneidender Stimme und einer Frisur, gegen die ein Stahlhelm eine wachsweiche Mütze ist, Unsinn verkündet. Jüngst erklärte sie, dass das neue Raketenabwehrsystem „ eine offene Systemarchitektur“ haben wird. Da bist Du fertig mit der Welt. Oder der Unterrichtsbeauftragte Laschet: Er ist hauptberuflich Fraktionsvorsitzender der CDU im NRW-Landtag. Er hat Klausuren verloren. Mir nichts, Dir nichts hat er aus seinem Notizbuch Noten vergeben, bevor das Notizbuch auch auf unerklärliche Weise unauffindbar wurde. Dummerweise hat er aber auch 7 Studenten Noten vergeben, die an der Klausur gar nicht teilnahmen. Das ist Realsatire vom Feinsten.

Locker wird er aber übertroffen vom Kapellmeister (Horst Seehofer) der Trachtengruppe Süd (CSU), bei der das „C“ inzwischen für Comedy steht. Horst hat die Maut erfunden. Sein Notenmeister Dobrindt muss nun die Notenblätter wieder einsammeln. Die Mautmelodie wird spätestens nach der nächsten Bundestagswahl vergessen sein. Ich bin aber erwartungsfroh über das nächste krumme Ding, das der Horst in Sorge um seine bayerische Stammtischhoheit sicher bereits vorbereitet hat. Aus seiner engsten Umgebung hört man, dass er jetzt die Maut für Ausländer auf deutschen Datenautobahnen fordern will.

Verdient gemacht um den Sozialkundeunterricht in Deutschland haben sich nun auch
Ex-Bundespräsident Köhler, Ex-Bundeskanzler Schröder und Ex-Innenminister Schily. Statt die Avancen des Kasachstan-Diktators Nasarbajew als politische Ungeheuerlichkeit von Anfang an zurück zu weisen, verhedderten sie sich in kleinkarierten Geldverhandlungen. Die ohnehin überversorgten Politpensionäre schaffen es, die Politikverdrossenheit ungemein zu erhöhen. Was soll ein Sozialkundelehrer seinen Schüler erzählen, wenn es um derartige Charaktere der politischen Klasse geht ? Das ist nun nicht mehr lustig, muss ich aber festhalten, weil ich frei nach Max Liebermann – 1933 anlässlich des Marsches der Nazis durchs Brandenburger Tor – „ gar nicht soviel fressen kann, wie ich kotzen möchte“.

Auf europäischer Bühne läuft auch eine spannende Geschichte. In einer Karikatur fahren drei Männer mit Kutten auf zwei Motorrädern. Links fährt der „Bandido“ und rechts auf einer Maschine mit Seitenwagen sieht man die Kutten Tsirpas und Varoufakis. Mit letzteren hat die IWF-Chefin Lagarde jüngst die Geduld verloren. Sie wolle zukünftig nur noch mit Erwachsenen reden, meinte sie genervt nach einem Gespräch mit den beiden Griechen. Das hatten die auch so im Sinn. Als europäische Seriensieger in den Disziplinen Steuervermeidung und Nichteinhaltung von Verabredungen haben sie Lagarde geschafft. Jetzt gehen sie an die schwierigeren Brocken Merkel und Schäuble.

Dazu muss man wissen, dass in der griechischen Alltagssprache die Aussage: „ Nur der Dummfranke zahlt“ den Westeuropäer meint. Schon einmal, im Jahr 48 v.Ch. standen die Athener auf der falschen Seite. In der Schlacht von Pharsalos zerschlug Cäsar die von Pompeius geführten senatorischen Legionen Roms. Cäsar fragte die Griechen, wie oft der Ruhm ihrer Ahnen sie noch vor der Selbstzerstörung retten sollte ? Gegen Cäsar lässt sich viel sagen, aber von Griechen verstand er was.
Dagegen kommen die Kabarettisten Schmickler, Becker etc. einfach nicht an.
Sehr gut gefallen mir auch Rechenbeispiele und geographische Hinweise von Journalisten und ihre lustigen Sätze, wenn sie etwas verkürzt zusammen stellen wollen. Dazu zwei Beispiele: Das Delmenhorster Kreisblatt schreibt über einen Tretbootverleih: „ Eine halbe Stunde kostet fünf Euro, 30 Minuten acht Euro“. Oder die Kieler Nachrichten: „ Hanna will ein Kind. Ihr Freund Jan überredet sie, es zuerst mit einem Hund zu versuchen“.

Auch gegen die Gags im Fußball haben sie schlechte Karten. Interpol hat jetzt die Kooperation mit der FIFA gekündigt. Die FIFA unterstützte mit 20 Mill. € ein Projekt gegen Wettbetrug. Nachdem nun eine Reihe von FIFA-Funktionären selbst auf den Fahndungslisten steht, macht das Projekt den Kriminalisten keinen Spaß mehr. Das ist Karikatur pur. Einmal wollte Walter De Gregorio, der Sprecher des zurück getretenen, aber noch amtierenden FIFA-Präsidenten lustig sein. Im Schweizer Fernsehen witzelte er: „ Der FIFA-Präsident, sein Kommunikationschef und der Generalsekretär sitzen in einem Auto. Wer fährt ? Die Polizei“. Der humorlose Blatter hat ihn sofort entlassen.

Es waren spannende Monate. Neben den Verhaftungen in Zürich, erlebten wir die erneute Wahl Blatters, dann wenige Tage danach seinen Rücktritt und jetzt womöglich den Rücktritt vom Rücktritt, weil die Kontinentalverbände, außerhalb Europas im FIFA-Sumpf suhlend, sich darin äußerst wohl fühlen. Blamabel und peinlich dabei ist das Verhalten des UEFA-Präsidenten Platini. Von ihm kommt nichts. Das ist kein Wunder, erhielt sein Sohn nach der Wahl Quatars mit der Stimme Platinis von den Scheichs eine hoch dotierte Stelle im dortigen Staatsfonds. Sie stellt die Verbindung zu Paris St. Germain her. Nachdem der Verein im Fußball mit Geld zugemüllt wurde, erweitern die Scheichs ihre Anstrengung, indem sie das gleiche Verfahren nun auch im Handball anwenden.

Leider vermissen wir vom DFB jede Kontur und Führungsverantwortung als der Welt größtem Fußballverband. Das ist peinlich. Nun bereiten sich die FIFA-Bosse auf eine juristische Schlacht vor, nachdem sie die erste Bataille verloren haben. Amerikanische Star-Strafverteidiger, die eine Million Franken Vorschuss verlangten und erhielten, sind in Stellung gebracht . Bei ihren Stundensätzen von 1000 Franken sollen sie die FIFA-Bosse vor Auslieferung und Strafen bewahren. Das wird sehr spannend werden. Ob das Schauspiel ein Drama oder eine Satire wird, ist noch nicht entschieden.
Fußball wurde auch gespielt. Gerade haben sich die U-21 Nationalmannschaft und die Frauen für Olympia 2016 qualifiziert.

In der Champion’s League gewann erwartungsgemäß der FC Barcelona gegen Juventus Turin in einem der besten Spiele der letzten Jahre. Das Halbfinale Madrid vs. Turin( 1 : 1) erlebten wir am Strand in Gran Tarajal mit vielen anderen. Nach dem 1 : 0 für Real sprang die eine Hälfte der Zuschauer begeistert auf und feierte das Tor. Den Ausgleich feierte dann die andere Hälfte. Das waren die Barca-Anhänger. Ronaldo und Bale sind nicht das erste Mal eingeknickt. Die Preisschilder an den Trikots mit den dreistelligen Millionenzahlen wirken deshalb eher peinlich. Für Madrids Sportzeitung „Marca“ war es das „Fiasko des Jahrhunderts“, obwohl wir noch 85 Jahre vor uns haben. In der EuroLeague gewann der FC Sevilla. Damit gingen beide Titel auf europäischer Ebene nach Spanien.

In Deutschland musste sich der FC Bayern mit dem Meistertitel begnügen. Zusätzlich gewann die Damenmannschaft des Vereins ebenfalls den Titel. Als Pokalmeister grüßt in diesem Jahr der VfL Wolfsburg. Wurde in der abgelaufenen Saison in der Champion’s League, insbesondere von München und Dortmund respektabel gespielt, gibt es für deutsche Teams in der EuroLeague doch einigen Nachholbedarf.

Vorbildlich waren einmal mehr auf internationalem Parkett die deutschen Damen. Die Frankfurterinnen gewannen die Champion’s League im Finale gegen Olympique Lyon mit 2 : 1.
Einige schöne Bemerkungen habe ich mir notiert. So lehrte uns Béla R. während des CL-Finals: „ Es gibt viele Fußballer, die gewinnen nie die Champion’s League“. Das hat mich umgehauen. Auch zum Begriff der Effizienz gab er uns eine Hilfe: „ Lichtsteiner (Juve) schlägt die meisten Flanken. Das hat aber noch zu keinem Tor geführt“. Nach einem wegen Handspiel nicht anerkannten Treffer von Neymar erklärte er uns: „ Das war zwar Hand, aber Hand ist beim Fußball nicht gleich Hand.“ Da hätte er die Abseitsregel gleich mit einbringen können: „ Abseits ist, wenn der Schiedsrichter pfeift“. Für die Nachspielzeit zeichnete er ein neues Bild: „ Barca wechselt noch einmal, um Zeit von der Zeit zu nehmen“. Das habe ich anschließend tagelang versucht. Wer das kann, möge es mir bitte beibringen. Dann fand er zum inzwischen 37-jährigen Andrea Pirlo (Juve) berufsbefähigende Hinweise zu dessen Zukunft: „ Andrea ist ein Weinbergbesitzer, ein Lebemann. Er könnte Werbeträger sein für ein Bestattungsunternehmen“.

Mit dem Aufstieg Darmstadts in die 1. Bundesliga hat eigentlich niemand gerechnet. Dazu meinte die FAZ, den Komfort für die Fußballer anspielend: „ Die Gästekabine wird die Edelkicker in der Republik das Fürchten lehren“. Leider hat es der KSC in der Relegation gegen den HSV nicht geschafft. Schiedsrichter Gräfe war in seinem Bemühen erfolgreich, mit einem „nicht gerechtfertigten Freistoß“ (FAZ), den HSV in die Verlängerung und dann zum Sieg zu bringen. Man muss allerdings selbstkritisch sagen, dass der KSC den Aufstieg zwei Wochen vorher verpasst hat. Auf eigenem Platz verlor er mit 0 : 1 gegen Darmstadt.

Emotional berührend war das Pokalfinale das Wolfsburg gegen Dortmund 3 : 1 gewann. Jürgen Klopp verabschiedete sich. Die Fans aus Dortmund und Wolfsburg ließen ihn hoch leben. VW-Chef Winterkorn sagte ein cooles Wort nach dem Spiel: „ Große Spieler entscheiden große Spiele“, d.h., wer viel Geld verdient, soll das in einer Stresssituation bitte schön auch beweisen.
Originell fand ich auch Ralf Rangnick. Er suchte für seine Leipziger Limotruppe Red Bull einen Trainer. Nun hat er ihn gefunden: Ralf Rangnick. Bei Erfolglosigkeit in der nächsten Saison werden wir vor einem Novum stehen: Der Sportdirektor Ralf Rangnick entlässt den Trainer Ralf Rangnick. Das gab es noch nie.

In diesem Sinne Ihr Siegbert Heid, Ende Juni 2015

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