Der Steilpass – Januar 2015

PSB Glosse
Der Steilpass im Januar 2015
Eine Glosse von Siegbert Heid

Zum Jahresende bekam ich einige Post aus der Reihe meiner Leserinnen und Leser. Neben der Hoffnung, auch weiterhin mit den Sottisen derjenigen versorgt zu werden, die sich für besonders wichtig halten, wird mir auch für den Spaß gedankt, die CSU und ihre Führungskräfte immer wieder vorgeführt zu haben. Dabei wird überraschend direkt von badisch über rheinisch bis hessisch die Mundart am heimatlichen Herd verteidigt. Außergewöhnlich fand ich den Neujahrsgruß einer Freundin. Sie schickte ihn mit einem Foto von Harald Juhnke und dem Zitat: „ Ich hasse Sylvester. Da saufen auch die Amateure.“  Auf diesem Wege nochmals vielen Dank.

„ Alles Gut? Oder hast Du Rücken?“, fragte mich dieser Tage meine Frau anzüglich, weil sie weiß, dass mir die SMS-Sprache recht zuwider ist. Sie sah mich etwas unrund gehen. „Nein, ich habe Arsch“, antwortete ich recht drastisch, weil die Muskulatur links nun die Unannehmlichkeiten bereitet, wie ich sie rechts vor einem halben Jahr hatte. Bis auf dieses Malheur sind die Heids gut ins Neue Jahr gestartet. Wir haben es nämlich geschafft, allen salbungsvollen Weihnachts- und Neujahrsansprachen aus dem Weg zu gehen. Das ist ja gar nicht so einfach. Mich ärgern die Sprüche, die da abgelassen werden. Gerade wenn man sich z.B. zum Ehrenamt äußert und dieselbe Person tatsächlich ihre völlige Gleichgültigkeit in dieser Frage wenige Monate vorher einem gegenüber demonstriert hat, habe ich mit diesen scheinbar hehren Floskeln meine Probleme. Dabei habe ich dies mit der NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft erlebt, was für mich persönlich besonders bitter ist.

Es gibt für mich staatlicherseits noch zwei weitere Rituale, die ersatzlos gestrichen werden müssen. Das ist einmal bei besonderen Begräbnissen das Richten der Kranzschleife. Es spielt sich immer nach demselben Schema ab. Hilfskräfte tragen den Kranz an die vorgesehene Stelle. Dort liegt er dann vorbildlich mit Schleife. Danach treten Politikerinnen/er – alle ohne Ausnahme – an den Kranz heran und rücken die schon mustergültig liegende Kranzschleife noch einmal mustergültig zurecht. Dann verbeugen sie sich, zählen still stehend bis 10, manchmal bis 12, wenn es sich um einen besonders wichtigen Verbliebenen handelt und treten zur Seite. Das löst bei mir stets Schreikrämpfe aus.

Das andere Unsinnsritual ist das Abschreiten einer Front von Soldaten bei einem Staatsbesuch. Da läuft einer wie in Karnevalsuniform mit Degen, Florett, Säbel oder Krummschwert im Stechschritt neben Gast und Gastgeber/in her. Diese verbeugen sich ein wenig gegenüber den in Reih und Glied stehenden Soldaten und gehen von dannen. Was soll das inhaltsleere Korsett internationaler Etikette ? Es verletzt m.E. die Menschenwürde, die armen Kerle stundenlang vorher stramm stehen zu lassen, damit sie ja nicht zu spät dran sind.

Kurz vor Weihnachten mussten die Fans von Joe Cocker und Udo Jürgens Abschied nehmen. ARD und ZDF hatten in kürzester Zeit beachtliche Nachrufe zusammen gestellt. Besonders interessant war der Bericht einer Rundfunkreporterin. In ihrer Würdigung wies sie darauf hin, dass die jüngste der unehelichen Töchter von Udo „ im Rahmen einer Autogrammstunde gezeugt wurde“. Flugs bin ich die Liste meiner Freundinnen, Freunde und Bekannten durchgegangen, um zu prüfen, ob jemand bald eine Autogrammstunde gibt. Leider vergeblich. Ich hätte nämlich gerne gewusst, wie man das in der Praxis macht und gleichzeitig Autogramme gibt.

Da Weihnachten noch nicht so weit zurück liegt, halte ich noch drei kleine Geschichtchen in Erinnerung:

a) Es unterhalten sich zwei Freundinnen. Berichtet die eine: „ Gestern war ich mit meinem Mann auf dem Weihnachtsmarkt.“ Fragt die andere: “ Und, bist Du ihn losgeworden?“

b) Ein Ehepaar unterhält sich. Der Ehemann fragt: „ Schatz, was wünschst Du Dir zu Weihnachten ?“ Sie: „ Die Scheidung !“ Darauf er: „ Soviel wollte ich eigentlich nicht ausgeben.“

c) Am 2. Weihnachtsfeiertag übernahm um 12.00 in WDR 2 Heike Knispel die Moderation. Der vorige Moderator fragte noch, was bei ihr auf dem Gabentisch lag. „ Eintrittskarten für ein Konzert, eine CD, Eierwärmer…“ „ Oh“ unterbricht er sie, „ da hat er sich aber gefreut !“ „ Nein“, antwortete sie schlagfertig, „die eignen sich nur für die Eier auf dem Frühstückstisch“.

Tiefsinnig war der Satz von Sportdirektor Heindl (FSV Mainz), nach dem in letzter Sekunde wegen eines Tores des Münchener Spielers Arjen Robben mit 1 : 2 verlorenen Spiels: „ Es war ein netter Abend, bis zur letzten Minute.“

Mehr Einblick in seine Denkungsweise verdient Thomas Eichin, Sportdirektor bei Werder Bremen: „ Ich mache mir immer Sorgen. Und wenn ich morgens aufwache und mir nach einer Stunde keine Sorgen mache, dann mache ich mir Sorgen, warum ich mir keine Sorgen mache.“ Der Mann hat es wirklich nicht leicht.

„ Die Jungs wollen, aber sie können nicht wie sie müssen.“ Das war keine Klage der Lebensabschnittsgefährtinnen Dortmunder Spieler, sondern von Trainer Klopp. Die Strapazen und Verletzungen wirken sich jetzt dramatisch aus. Drücken wir dem BVB die Daumen, dass er in der Winterpause die Erholung erfolgreich nutzt.

Viel Geld ausgeben musste Marco Reus, Spieler von Borussia Dortmund. Die 90 Tagessätze bei vermuteten € 6.000.- Verdienst nach Steuern am Tag summierten sich auf stattliche  540000.- Bei einem Tagessatz mehr wäre er vorbestraft. Staatsanwaltschaft und Gericht waren noch in einem anderen Punkt überaus milde. Sie bewerteten lediglich die Einzelfälle, bei denen er ohne gültigen Führerschein erwischt wurde. Sie ließen den jahrelangen Vorsatz, wissend mit einem gefälschten holländischen Führerschein gefahren zu sein, außer Acht. Das ist keine Dummheit, wie Reus es hinstellt, sondern ein kriminelles Vergehen. Jeder andere Bürger wäre nicht ohne Bewährungsstrafe und hoher Geldsumme weggekommen. Ich verstehe nicht, warum dem 25-jährigen weder die Eltern, noch die Berater, noch der Verein Einhalt geboten haben. Mir scheint, der Fisch stinkt vom Kopf.

Bleibt noch die Vorbildsfrage. Kein Berufener als Bundestrainer Löw, der gerade seinen Führerschein wegen ständigen Rasens verlor, erklärte im Sommer, als der Dortmunder Großkreutz in eine Hotellobby pinkelte: „ Nationalspieler sind in ganz besonderem Maß Vorbilder, auch neben dem Platz“. Die Frage lautet deshalb nicht, ob Reus – auch Rolls Reus genannt – aus dem Weltmeisterteam fliegt, sondern nur noch wie lange.

Sportkamerad Kruse, Borussia Mönchengladbach, wurde nicht zur WM mitgenommen, weil er bei einem Auswärtsspiel der Nationalmannschaft eine Dame davon überzeugen konnte, mit ihm nächtens auf seinem Zimmer seine Briefmarkensammlung anzusehen. Das haben welche beim sittenstrengen DFB offensichtlich missverstanden.

Wer eine Dauerkarte in Frankfurt hat, kann sich glücklich schätzen. Es gibt sensationelle Spiele mit vielen Toren zu sehen. Dabei geben die Frankfurter auch bei einem Rückstand nicht auf. Jüngst schafften sie es gegen Hertha BSC Berlin, in der 90. und 92. Minute, einen
2 : 4 Rückstand in ein 4 : 4 umzubiegen. „ Das kostet verdammt viel Nerven“, stellte Trainer Schaaf fest. „Es ist nicht der Gedanke des offensiven Fußballs, sich so in der Defensive zu verhalten. Das müssen wir uns an die eigene Backe nageln.“ Diese Art der Selbstverstümmelung scheint mir doch zu weit zu gehen.

Eindeutig zu weit gehen aber amerikanische und britische Zyniker, die den „Darwinschen Preis“ verleihen. Er gebührt denen, die sich durch eigene Dummheit selbst auslöschen. Dabei zählt ausdrücklich nicht, wer sich beim Entsichern einer Waffe selbst erschießt. Das wird als bedauerlicher Unfall gewertet. Zur Crème de la Idiotie (www.darwinawards.com/rules) zählen z.B. der Dieb, der das Stahlseil eines Aufzuges entwenden wollte, dabei aber unversehens in die Tiefe rauschte, weil er sich in demselben befand, als er das Kabel durchtrennte. Die gleiche „Ehre“ wurde einem anderen auch zuteil. Er hatte eine Briefbombe mit zuwenig Porto versehen. Die Sendung kam deshalb zurück. Dann hatte er das Kuvert selbst geöffnet.

Britische Wissenschaftler haben inzwischen festgestellt, dass der Männeranteil unter den „Preisträgern“ bei 89 % liegt. Auch wenn ich für diese Art von Awards nicht infrage komme, bestätigt die Zahl eine Grundüberzeugung meiner Frau. Sie ist nach dem jahrzehntelangen Zusammenleben mit mir zur Einsicht gekommen, dass der männliche Teil der Menschheit der doofere sei. Dagegen kommt man nicht an.

Auch der Wintersport geizt nicht mit Sottisen. Aus Gröden berichtete der Reporter, dass der Österreicher Baumann in der Abfahrt „ mit dem letzten Hemd angekommen sei.“ Dem war nicht so. Ich versichere, er hatte noch seinen Skianzug an.

Auch schön war der Hinweis, dass der Schweizer Carlo Janka sich durch seinen Materialwechsel eine neue Herausforderung gesucht habe. Er hat genau das Gegenteil getan. Mit neuem Skifabrikat wollte er schneller fahren, um nicht mit den alten Ski der Herausforderung durch die schnelleren Kollegen begegnen zu müssen.

Klasse war auch das Einfühlungsvermögen in die Denkweise des Österreichers Hannes Reichelt. Da wir Zuschauer das nicht wissen können, erzählte uns der Reporter, Reichelt denkt an einer bestimmten Stelle während der Abfahrt: „ Hoppla, da sind ja die Kamelbuckel; also bin ich in Gröden“. Ich versichere allen, falls Skikamerad Reichelt überhaupt etwas gedacht hat, dann an etwas anderes.

Auch dem Sieger im Super-G von Gröden, Jansrud aus Norwegen, wurde der Berichterstatter nicht gerecht. „ Er schleicht sich an das Tor heran“. Dabei wurde zufällig gerade die Geschwindigkeit mit 112 km/h gemessen. Da schleicht niemand mehr.

In diesem Sinne grüße ich alle Leserinnen und Leser ganz herzlich
und wünsche allen nach Möglichkeit die Erfüllung ihrer Wünsche
und guten Vorsätze
Ihr
Siegbert Heid

 

Der Steilpass – Dezember 2014

PSB Glosse
Der Steilpass im Dezember 2014
Eine Glosse von Siegbert Heid

Nach meinen höllischen Schmerzen, die der Ischiasnerv in den rechten hinteren Gesäßmuskel bohrte, bin ich durch Gymnastik und Muskeltraining soweit, dass ich mich wieder normal setzen kann. Was das heißt, weiß ein Moderator des WDR 2. Er stand seine drei Stunden Moderationszeit vor dem Mikrofon, weil das Sitzen aus demselben Grund zu schmerzhaft war. Ich kann jetzt auch besser empfinden, wenn Fußballer sich stundenlang in der „Muckibude“ um den Aufbau ihrer Muskeln quälen.

Gleichwohl gibt es bei der Trainingsquälerei Momente, die unsäglich komisch sind.
An einem Nachmittag trainierte ich neben einer Kleingruppe von drei Damen, die sich kannten. Die eine (A) in meinem Alter (72), die andere (B) einiges jünger, die Dritte kurz vor dem 80.Geburtstag. Dame A einigte sich mit Dame B, dass es angesichts des jüngsten Weltraumunglücks mit einer Rakete, die später Abenteurer in den Weltraum befördern soll, tollkühn sei, sich für eine Reise ins Weltall anzumelden, zumal sie nicht unter 250.000 US-$ zu haben sei. Da schaltete sich die mit Krückstock älteste Dame (C) ein und verkündete allen Ernstes: „ Das ist nichts für mich, ich habe nämlich Höhenangst.“ Ich konnte einen Lachbrüller nur deshalb verhindern, weil ich mich gleichzeitig auf die Verhinderung einer dadurch ausgelösten Flatulenz konzentrieren musste. So eine Story kann man nicht erfinden. Deshalb muss man sie aufschreiben.

Das Hohe Lied auf tapfere Frauen singt man jetzt im Ruhrgebiet. Zwei Vermummte stürmten dieser Tage eine Trinkstube und riefen „Überfall“. Die Verkäuferin rief zurück: „ Wat is – ich geb Euch Überfall ! Ihr kriegt jetzt gleich was auf die Fresse“. Dazu kam es nicht. Die Vermummten flüchteten.

Ein anderer Irrer, Jeffrey Fowle, US-Bürger, wollte in einem Nachtclub der nordkoreanischen Hafenstadt Chongjin eine Bibel hinterlassen. Dort war man so verunsichert, dass die Polizei gerufen wurde, die ihn folgerichtig festnahm. Was soll eine nordkoreanische Prostituierte mit einer amerikanischen Bibel, haben die sich gefragt. Man hat ihn jetzt nach Hause geschickt. Die Amis sollen sich um ihre Irren selbst kümmern.

Und noch ein unfreiwilliger Gag, der nicht verloren gehen darf: Vor kurzem stoppten in Köln vier SEK-Beamte einen Taxifahrer. Wegen eines Amokalarms in einem Gymnasium wollten sie mit ihrem Dienstwagen zum Tatort rasen. Ihr Jeep vertrug aber das Fahren nicht. Er war zwar nicht von der Bundeswehr, blieb aber trotzdem stehen. Deshalb wurde das Taxi „polizeipflichtig“ gemacht. Die € 15,40 hatten sie aber nicht dabei. Hoffentlich hat die Verwaltung das inzwischen ausgeglichen.

Ausgleich von der Bundesliga sucht der BVB in der Champion’s League. Das 4 : 1 gegen Galatasaray qualifizert die Dortmunder vorzeitig für das Achtelfinale. Auffällig wurden nicht nur türkische Hooligans, die Pyromaterial verschossen. Auffällig war auch die Tätowierung eines türkischen Spielers. Er hatte seine Trikotnummer 26 am Hals eingebrannt. Das ist vernünftig. Das ist nämlich die beste Methode, damit man sie nicht vergisst.
Auch Bayer Leverkusen steht nach dem 2 : 1 Sieg in Petersburg vor dem Einzug in die nächste Runde.

Den haben auch die Bayern geschafft. Die römischen Truppen (AS Roma) verloren in Bajuwarien mit 2 : 0. Torwart Neuer war bis auf eine Doppelszene so unterbeschäftigt, dass Belá Rhéthy ihm verständnisvoll bescheinigte: „ Neuer hätte dem erkrankten Robben einen Kamillentee zubereiten können.“ Für die Bayern war das Spiel nicht mehr als eine verschärfte Trainingseinheit.

Ihr Bundesligaspiel gegen Mönchengladbach eine Woche zuvor war ähnlich. Das verführte  den Moderator zu einem neuen Wort: „ Das Publikum im Borussia Park ist ein wenig rediert.“ Er meinte wohl sediert. Damit begab er sich auf Rhéthy-Terrain. Unter den Fußballreportern sind ihm die meist falsch benutzten Begriffe aus der Medizin vorbehalten.

Ich will nicht in das allgemeine Loblied über Xabi Alonso einstimmen. Aber es ist doch sehr bemerkenswert, wie unauffällig und kraftschonend er Anlaufstelle im Mittelfeld ist. „Spielen und gehen, spielen und gehen“, sei sein Motto, meinte ein Bewunderer am Mikrofon. Dabei steigerte er sich in der Beschreibung, er sei „Gott der kleinen Dinge und das mit soviel Stil.“

Der 5. Spieltag in Champion’s League und EuroLeague war eine Katastrophe. Alle verloren. Lediglich Mönchengladbach kam mit einem 2 : 2 gegen Villareal nach Hause. Besonders dämlich stellten sich die Leverkusener an. Auf die gleiche Art und Weise wie in Monaco verloren sie nun gegen denselben Gegner erneut mit 0 : 1. Mit einem Torverhältnis von 2 : 1 haben die Monegassen inzwischen acht Punkte !! erzielt.

Dagegen war der 6. Spieltag wieder erfolgreich. Alle 6 Vereine qualifizierten sich für die nächste Runde. Besonders glücklich waren die Wolfsburger in Lille. Sie gewannen zwar mit
3 : 0. Das Ergebnis hätte aber genau so gut 0 : 3 lauten können. Ein schier verzweifelnder Reporter quälte sich zur Aussage: „ Die Wolfsburger laden die Franzosen mit Blumen und Tischkärtchen an die gedeckte Tafel.“

Nach der Auslosung für die Frühjahrsspiele werden sich allerdings die deutschen Teams etwa zur Hälfte verabschieden. Bayern München spielt gegen Schachtjor Donezk, Borussia Dortmund gegen Juventus Turin, Bayer Leverkusen gegen Atlético Madrid, Schalke 04 gegen Real Madrid und in der EuroLeague spielen Borussia Mönchengladbach gegen Sevilla und VfL Wolfsburg gegen Benfica Lissabon.

Gleichwohl bleibt uns der Tanz der Trainer am Spielfeldrand erhalten. Am schönsten sind die Aufführungen von Münchens Guardiola. Seine Soli gleichen denen eines Matadors im Stierkampf. Es fehlt nur noch die Abschlusspirouette auf Zehenspitzen. Der Dortmunder Klopp tanzt völlig anders. Nach einem Tor seiner Mannschaft setzt er zu einer Polka an, an deren Ende seine fiktive Tanzpartnerin tot am Boden liegt.

Viel feiner geht Trainer Gertjan Verbeek auf die Belastung der Trainer ein. „ Ich hoffe, dass ich 90 Jahre alt werde. Dann kann ich sagen: Ich wäre 100 geworden, aber ich war Trainer in Nürnberg.“

Zum Schluss seien noch einige Helden aus der Mathematik zitiert:
GDL-Chef Weselsky: „An einem Streiktag sind 3000 Mitglieder unterwegs. Wenn wir drei Tage streiken, sind das 9000; Aufdruck auf einem Bleistift der Fa. Faber: „ 20 x 20 = 200“;
Auf einem Gutschein der Stadtbücherei Bad Oeynhausen: Kostenlose Monatskarte (3.-€).

Bei allen Lesern bedanke ich mich für ihre Geduld. Allen wünsche ich ein gesundes, friedliches und erfolgreiches 2015
Ihr
Siegbert Heid

Der Steilpass – November 2014

PSB Glosse
Der Steilpass im November 2014
Eine Glosse von Siegbert Heid

Gelegentlich werde ich gefragt, warum ich mich so für den Fußball interessiere. Es ist das Irrationale an diesem immer komplexer und schneller werdenden Spiel, das fasziniert. Sepp Herberger formulierte in seiner schlichten Sprache: „ Man weiß halt vorher nicht, wie es nachher ausgeht.“ Gelegentlich gelingt es mir, die „Tiefen auf der Oberfläche“ heraus zu kitzeln. [Max Brod. Er schrieb in der Tradition des „Baderomans“ von Jane Austen, die uns allen bekannt ist, weil Paola, die Frau von Commissario Brunetti in Donna Leons Krimis immer wieder Vorlesungen zu diesem Thema hält.]

Oft gelingt es mir nicht, die Tiefe an der Oberfläche zu erkennen. Ich glaube bei der Person Schweinsteigers im WM-Endspiel ist mir das gelungen – vgl. Steilpass nach der WM. Hinzu kommt mein Spaß an den schöpferischen Formulierungsleistungen deutscher Sportreporter. Wer Sebastian Kehl als „Balleroberungsmonster“ begreift und das Klopp-System der frühen Balleroberung für einen Fußballer für so kompliziert hält, dass „einer wie Immobile schon länger als ein halbes Jahr braucht, um das zu kapieren“, [ nach Meinung des Reporters] der liefert auch weiterhin sprachliche Apercus.

„ Landauer – Der Präsident, der Mann, der den FC Bayern erfand“ wurde als Film am 15.10.2014 im „Ersten“ gesendet. Auf Initiative des Bayern-UltraFanclubs „Schickeria“ porträtierte man den früheren Präsidenten des FC Bayern München. Er war als Jude Präsident der Bayern 1932, als das Team zum ersten Mal Deutscher Meister wurde. Dann wurde er unter den Nazis aus dem Amt gedrängt, kam 1938 in das KZ-Dachau. Er konnte in die Schweiz fliehen, während seine Familie von den Naziverbrechern umgebracht wurde. Nach dem Krieg kehrte er zurück und legte den Grundstein, damit sich der FC Bayern zu einem der erfolgreichsten europäischen Clubs entwickeln konnte. Es war ein hochwichtiger Beitrag zum Verhältnis von Fußball und Politik unter dramatischen Umständen und nicht nur mit grinsenden Politikern in der Umkleidekabine der Nationalmannschaft.

Nicht weniger wichtig ist eine Initiative in Dortmund. Dort wird von der Intiative „Ein Dach für Fans“ und Fanclubs aktiv gegen Rechtsextremismus gearbeitet. U.a. wird das frühere Konzentrationslager Auschwitz besucht. Das sind politisch ungemein wichtige Aktivitäten. Man erkennt: Die Ultras in Vereinen wie Bayern oder dem BVB interessiert nicht nur, dass das Runde in das Eckige kommt.

Es war kein Reporter, sondern der frühere Nationalspieler Horst Hrubesch, der nach dem 1 : 0 des HSV in Dortmund uns aufklärte: „ Das war für den HSV der Brustlöser.“ Ich dachte bisher eher an Salbei oder Holunder als Hustenlöser. Aber da ist der Horst schon weiter. Man liest gelegentlich, Tore haben für Fußballer eine therapeutische Wirkung. Es bedurfte der Heilkunde von Sportkamerad Horst, dass das auch für die Brust gilt.

( Bitte im badischen Dialekt lesen) „ Gegge Gibraltar awwer gewinne mir scho“, erklärte Jogi Löw treuherzig nach dem 1 : 1 gegen Irland. Was war passiert? Man traf einmal mehr das Tor nicht und spielte gegen 11 Iren im Strafraum, als ob „ein Tau durchs Nadelöhr“ müsste, wie der RTL-Kommentator meinte. Der  Ausgleich der Iren mit der letzten Aktion in der Nachspielzeit ging mit einer kompletten Desorientierung der deutschen Abwehr einher. Die RTL-Sprache, die ich bisher nicht kannte, macht neugierig. „ Nachdem der Toni ein Kind bekommen hat, ist er erwachsener geworden“, kommentierte der Reporter nach seinem Tor zum vorübergehenden 1 : 0. War unser Toni noch Jugendlicher, als er die Grundlage für das Ereignis geschaffen hat ? Hat jetzt der Toni Kroos ein Kind bekommen oder seine Lebensgefährtin ? Woran lässt sich bei einem Tor erkennen, dass einer erwachsener geworden ist. Ich sehe, ich muss noch viel lernen.
Dann überraschte mich der Sprecher mit der Bemerkung: „ Die irischen Fans machen Kapelle“. Er wollte damit sagen, dass die Fans ihre Mannschaft unterstützen. Das ist wohl abgeleitet aus der SMS – Sprache wie „Alles gut?“ oder „Hast Du Rücken ?“ Dieser Entwicklung will ich nicht folgen.

Dabei ist es zur Zeit so, dass andere Größen im Fußball wie Spanien, die Niederlande oder Italien ebenfalls schwächeln. Italien gewann mit Ach und Krach 1 : 0 gegen Malta, Spanien verlor 2 : 1 gegen die Slowakei, die Niederlande 2 : 0 gegen Island. „Briefträgerfußball“, schrieb De Volkskrant dazu, ohne zu erklären, was gemeint ist.

„ Die Polen schmelzen“, meinte meine Mitzuschauerin etwas eigenwillig, angesichts der polnischen Begeisterung nach der deutschen 2 : 0  Niederlage in Warschau.
Nach der Niederlage gegen Italien im Halbfinale der Europameisterschaft 2012 ist das Stadion endgültig nichts für uns.

Eine polnische Zeitung stufte den Sieg sogar als wichtigsten Sieg nach der Schlacht von Tannenberg ein. 1410 besiegte das Königreich Polen zusammen mit dem Großherzogtum Litauen den Deutschen Orden. Es war eine der größten Schlachten zwischen mittelalterlichen Ritterheeren. So hoch wurde der Sieg im Fußball in ganz Polen eingestuft.

Dabei hatten sich in jüngerer Vergangenheit bei Qualifikationsspielen zu internationalen Meisterschaften ( Europa-Weltmeisterschaften) die Polen gegen Deutschland bereits im Basketball, Volleyball und im Handball durchgesetzt.

Die deutschen Fußballer konnten mit ihren vielen Chancen in diesem Spiel einfach nichts anfangen. Da half auch die Bemerkung des Reporters wenig weiter: „ Der Müller hat einen gewaltigen Bumms.“ Hier möchte ich aber die in der Fußballersprache nicht so bewanderten Damen vor einer voreiligen Schlussfolgerung bewahren. Bei der Umwandlung des Substantivs in die Verbform würden sie sich in einen nicht bestätigten Bereich begeben.

In der Bundesliga geht es indes weiter. Bayer Leverkusen hat in Stuttgart ( 3 : 3 ) eine Halbzeit phantastischen Fußball gespielt. Beim dritten Tor durch Bellarabi meinte der Rundfunkreporter: „ Die [Stuttgarter] Abwehr verhielt sich wie beschwipste Schüler auf Klassenfahrt“. So verhielten sich auch die Abwehrspieler des AS Rom im Champion’s League Spiel gegen den FC Bayern ( 1 : 7 ). Der deutsche Reporter fragte nach dem dritten phantasievoll heraus gespielten  Bayerntor: „Wo sind die Römer? Die sind nicht da.“ Irgendwo waren sie dann doch. Sonst hätte kein Spiel stattfinden können. Insgesamt kam er zum Resumé: „ Der FC Bayern hat die große Roma an die Wand genagelt.“

Nicht minder farbig unterhielt uns der Reporter über das Spiel Schalke vs. Sporting Lissabon ( 4 : 3 ). Nach einem Platzverweis kombinierte die für Sporting auf 10 Personen reduzierte Truppe sehr gekonnt und hart. „ Sie treten wie die Bürstenbinder“ meinte Reporter Fuß. Hat die schon jemand treten sehen ?
Das 2 : 1 durch Huntelaar begleitete er mit dem Hinweis, dass „ H. mit der Fingerkuppe möglicherweise im Abseits stand.“ Beim 3 : 1 der Schalker gelang ihm einmal mehr ein weiterer Nonsens-Satz, der bei ihm in keinem Spiel fehlen darf: „ Da kam der Verteidiger nicht rechtzeitig aus dem Sattel.“ Beim Ausgleich der Gäste zum 3 : 3 geriet er in Rage. „ Am Pfosten stehen zwei Portugiesen blank. Das darfst Du keinem erzählen.“ Sie standen nicht blank. Sie waren ordentlich angezogen. Das 11-m Tor zum 4 : 3 für Schalke war kurios. In der 93. Minute sprang im Strafraum der Gäste der Ball an den Körper eines Gästespielers. Der Schiedsrichter ließ zunächst weiter spielen. Dann unterbrach er und zeigte auf den Punkt. Für den Torrichter, der am nächsten stand, war das Handspiel. Tatsächlich sprang der Ball dem Spieler aber an den Kopf. Nun hatte der Reporter ein Problem. Wie sollte er das seinem Publikum erklären ? „ Der Torrichter hatte ein Wahrnehmungsproblem.“ Das war eine schöne Untertreibung. Über diese Trottel an der Torlinie habe ich mich ja auch schon öfters aufgeregt. Es gibt bei den Spielen immer mehr davon, ohne dass die Schiedsrichterleistungen besser würden.

Der BVB hat seinen Genesungsurlaub von der Bundesliga mit dem 4 : 0 Sieg bei Galatasaray Istanbul genutzt. Für mich herausragend war Gündogans Vorarbeit zum vierten Tor. Er ließ die halbe Abwehr durch eine unglaubliche Körperdrehung wie Tölpel ins Leere laufen. Seinen zentimetergenauen Pass auf Ramos nutzte derselbe gleich nach seiner Einwechslung zu seinem nächsten Tor in der Champion’s League. Herausragend war auch die Leistung von Sven Bender. Er nahm den niederländischen Weltklassestürmer Wesley Sneijder völlig aus dem Spiel.

Nach dem 2 : 0 von Bayer Leverkusen gegen Zenit St. Petersburg war der deutsche Erfolg aller vier Vereine in der Champion’s League das Ergebnis, das es festzuhalten gilt.  Dazu gewannen Mönchengladbach und Wolfsburg in der Euro-League ihre Spiele. Mit dem Nageln haben es zur Zeit die Reporter: „ Die Wolfsburger nagelten Krasnodar auseinander.“

Wie das gehen soll, hat er nicht erklärt. Man kann also etwas zusammen wie auseinander nageln. Es gibt noch eine dritte Variante. Günter Ücker (Gruppe Zero) nagelt formenreich Bilder. Schön war auch des Reporters Hinweis auf Hugo Lopez: „ Im Buch über das Fußball ABC muss unter Fußballkunst diese Szene rein, wie ein Übersteiger nicht geht.“ Lopez stieg zwar über den Ball und ließ denselben einen Meter hinter sich. Sechs Siege in den europäischen Wettbewerben gab es zuletzt Ende 1989.

Spätestens nach dem 7 : 1 in Rom stellt sich die Frage, ob man ein Ergebnis verwalten kann. Am abgeklärtesten können das die Bayern. Nach dem 5 : 0 schalteten sie auf Stand-by-Modus. Dann erzielte der Gegner ein Tor. Das hätten sie besser bleiben lassen sollen. Die Bayern kurbelten das Tempo wieder an. Roma kassierte für diese Aufmüpfigkeit zwei weitere Tore. Schalke und Dortmund können es nicht.  Wolfsburg kann es und wird in der nächsten Saison wie Mönchengladbach in der Champion’s League spielen. Bei Leverkusen bin ich mir nicht sicher.

In der Bundesliga kann Dortmund zur Zeit nichts verwalten, weil sie einem Rückstand wie jüngst gegen Hannover nachlaufen und bei besten Chancen das Tor nicht treffen.
„ Fußballer spielen Fußball, um die Dinger rein zu machen. Aber das machen die Dortmunder nicht“, meinte ein fast verzweifelter Rundfunkreporter. Götze und Lewandowski spielen bei Bayern mit, sie sind vielleicht etwas mehr als reine Mitläufer. Ihr Fehlen bei Dortmund ist dort tatsächlich eine entscheidende Schwäche.

Das zeigte sich beim 1 : 2 des BVB in München. Nach der verletzungsbedingten Auswechslung von Hummels war der eingewechselte Unglücksrabe Subotic an beiden Gegentoren beteiligt. Da halfen die Weltklasseparaden von Weidenfeller nicht mehr. Gleichwohl war es eines der besten Spiele der Saison. Dortmund befindet sich z.Zt. in einer „Ergebniskrise“, nicht in einer Krise im Spiel. Drücken wir die Daumen, dass sie sich davon befreien können.

Der „clasico“ in Spanien zwischen Real Madrid und dem FC Barcelona 3 : 1 war einmal mehr ein Hit. Zwei Systeme prallten aufeinander. Die kompakte Hintermannschaft um Toni Kroos als Anführer baute auf drei superschnelle Stürmer wie Benzema, Ronaldo und Isco. Die konnten von den inzwischen in die Jahre gekommenen Katalanen kaum aufgehalten werden.

Dagegen klappt das schnelle Kurzpassspiel der Barcelonesen nicht mehr. Neymar schoss zwar ein Tor, wurde dann nicht mehr gesehen wie Beisser“ Suarez während des ganzen Spiels. Hatte Messi drei Madrilenen umspielt, klaute ihm der vierte, Sergio Ramos, dann den Ball oder Marcelo ahnte den Pass, den er spielen wollte.  Die Einwechslung von Nationalspieler Pedro aus Gran Canaria änderte daran nichts. Der spanische Reporter vergaß nicht, bei Pedro stets „ el Canario“ hinzuzufügen, so als ob man bei Toni Kroos von Toni als dem Mecklenburger sprechen würde. In Spanien wird es wieder spannend in der Meisterschaft. Jetzt hat Barca 0 : 1 gegen Vigo verloren und reiht sich aktuell als Dritter hinter Real und Atletico aus Madrid in der Tabelle ein.

Siegbert Heid, 02. November 2014

Der Steilpass – Oktober 2014

PSB Glosse
Der Steilpass im Oktober 2014
Eine Glosse von Siegbert Heid

Leverkusens 1 : 0 beim Auswärtsspiel in Dortmund nach 9 Sekunden war auch die Woche danach in aller Munde. Tatsächlich haben investigative Fans herausgefunden, dass jetzt auch vor kurzem die Geislinger ( Schwäbische Alb-Kreisliga) bereits nach 8 Sekunden erfolgreich waren. Im WDR gab es eine Abfrage, was die Zuhörer alles in 9 Sekunden tun könnten. Die schönste Rückmeldung war: „ Ihre dämliche Sendung abschalten“!

Wir können uns wieder auf herrliche Reporterpirouetten freuen. So war für einen aus der Zunft Firminhos Tor zum 1 : 0 für Hoffenheim in Bremen (2:2) „ ein Tor wie ein Gemälde“. Auf dem Weg in Richtung Zero vermutet dagegen ein Kollege den HSV „das ist wenig mit der Tendenz zu nichts“. Jüngst hat der „Kicker“ den Tabellenletzten sogar aus der Tabelle gestrichen (ein Versehen) und sie mit 17 Vereinen ohne den HSV gezeigt. Vielleicht geht es mit dem neuen Trainer Zinnbauer jetzt aufwärts ?

Aufgrund unserer Florenzreise hatte ich das Qualifikationsspiel Deutschland – Schottland nicht gesehen. Unser Hotel hatte nur ARD und ZDF. Nach Presseberichten habe RTL aus dem Spiel eine Werbesendung für alle möglichen Produkte gemacht. Der geldgeile DFB hat da hoffentlich kein Eigentor zu Lasten des Sportes geschossen. Mario Gomez wollten wir uns aber nicht entgehen lassen. So waren wir beim ersten Heimspiel der Fiorentina vs. Genua ( 0 : 0 ) im Stadion. Beide Teams verteidigten mit Fünferkette, so dass sich die Spannung in Grenzen hielt. Mario trabte sichtlich entspannt rauf und runter. Bis zu seiner Auswechslung in der 56. Minute ist er bei wohlwollendster Beurteilung höchstens 1,5 km gelaufen. Man muss Mario heißen, wie einst Mario Basler, dass einem diese Lauffaulheit nicht übel genommen wird. Dessen damaliger Trainer Beckenbauer urteilte über seinen lauffaulen Spieler nach einer Begegnung im Winter: „ Das Wichtigste ist, dass Mario auf dem Platz nicht erfroren ist.“ Das wohlwollende Publikum in Florenz dagegen verabschiedete Gomez sogar mit Beifall.

Diese Gelassenheit hat auf mich abgefärbt. Insofern bin ich Mario unendlich dankbar. Anderntags verließ ich nämlich mit der Dame an meiner Seite nach gefühlten drei Stunden einen Florentiner Damenschuhsalon. Normalerweise muss ein Mann mit Herzrasen und unkontrollierten Schweißausbrüchen nach einem derartigen Stresstest unverzüglich erster Hilfe zugeführt werden. Locker und entspannt, über mich staunend, verließ ich aber den Salon ohne Bluthochdruck und Herzinfarkt. Mario hat geholfen.

Gleichwohl ist ein Besuch von Florenz und der Toskana in dieser Jahreszeit nicht zu empfehlen. Ungezählte Gruppen von ca. 50 Personen blockierten die Gehwege. Dabei hielt ein Bärenführer immer einen Gegenstand in die Luft. Das konnte ein Fähnchen oder ein Regenschirm sein. Am Originellsten fand ich den, der mit einer gelben Badeente, die wir seit Loriot kennen, voranschritt. Dieser Touristenandrang scheint auch die Logistik von Transportunternehmen in Bedrängnis zu bringen. In Livorno wollte ich den Bus bezahlen. Das ging aber nicht, weil dem Fahrer die Fahrscheine ausgegangen waren. In Pisa erschien auf dem Display des Fotoapparates der schiefe Turm gar nicht so schief, so als ob der Apparat die Schieflage automatisch korrigieren würde. Hält man aber die Kamera ausreichend schief, bekommt man ein schönes Gefälle rein und damit einen schönen schiefen Turm. Von da an wurde ich Scherzkeks genannt.

Kekse scheinen vielfältig verwendbar. Zum Dortmunder Spiel vs. Arsenal ( 2 : 0) in der Champion’s League zeigte Borussia Dortmund, was Teamgeist heißt. Insofern kann ich die Reportermeinung nicht teilen: „ In der ersten Hälfte war das BVB-Spiel ein trockener Keks.“ Eine kompliziertere Pirouette führte sein Kollege beim Spiel Monaco vs. Leverkusen ( 1 : 0 ) vor: „Die Monegassen sind wie die Jungfrau zum Kind gekommen. Dann ist der Krawattenknoten aufgegangen“. Diese zeitliche Reihenfolge finde ich grundsätzlich originell. Die Nummer mit dem geplatzten Krawattenknoten könnte auch für eine Dame mit gehobenem Anspruch durchaus nicht ohne Reiz sein.

Am ersten Spieltag der EuroLeague hatte man in Mönchengladbach wie Everton eine Diskussion über Elfmeterentscheidungen. Beim Spiel Mönchengladbach vs. Villareal ( 1 : 1 ) gab es im spanischen Strafraum ein Handspiel. Der Linienrichter hob auch die Fahne, der Schiedsrichter schritt in Richtung 11-m-Punkt. Dann stoppte er, weil der Torrichter anderer Meinung war. In der Zeitlupe wurde der klare Elfmeter bestätigt, um den Mönchengladbach betrogen wurde. Andererseits war das Unentschieden gegen die viel besseren Spanier schmeichelhaft. Das 1:0 durch Hermann begleitete der Reporter mit dem herrlichen Satz: „ Aus dem schwachen linken Fuß wird auf einmal das Schokoladenbein.“

Beim Spiel Everton vs. Wolfsburg ( 4 : 1 ) stand es 2:0, als Wolfsburgs Sturm und Drang Phase in der zweiten Halbzeit begann. Dann aber gab es eindeutig vor der Strafraumgrenze das Foul eines Wolfsburger Spielers. Der Schiedsrichter verlegte dieses Foul in den Strafraum – eine deftige Benachteiligung der Werkstruppe aus Wolfsburg. In gerader Linie zur Stelle des Foulspieles stand ohne Sichtbehinderung der Torrichter. Warum dieser Trottel nun seinerseits nicht eingriff, bleibt mir ein Rätsel. Das dritte Tor war dann die Entscheidung. Über weitere Ausfälle der Wolfsburger schweigt man besser. 26 Mal schoss Wolfsburg immer genau dahin, wo der Torwart stand. Bei 12 Torschüssen war Everton viel effizienter. Bei soviel Harmlosigkeit höchstbezahlter Profis, sind m.E. kostenpflichtige Verwarnungen angesagt.

Ich bleibe dabei : Fußball ist großes Theater.

Da erobert nach vier Spieltagen der SC Paderborn die Tabellenspitze. Keiner widersprach, als die Experten ihn mit der Garantie zum Abstieg kennzeichneten. Aber die Spieler, die vorher anderswo aussortiert wurden, blühten unter dem vor wenigen Jahren arbeitslosen Trainer Breitenreiter auf. Er lehrt den Etablierten das Fürchten. Ein Bonner Sportjournalist schreibt dazu ganz ehrlich: „ Wer das am Saisonanfang vorhergesagt hätte, der glaubt auch daran, dass Zitronenfalter Zitronen falten.“ Dazu gehört auch das Tor des Paderborners Stoppelkamp aus 83 Metern. Früher als Chancentod etabliert, gelang ihm ein Volltreffer in die Fußballhistorie. Die Bayern haben Paderborn jüngst auf Normalmaß gestutzt. Gleichwohl bleibt die Erkenntnis, dass Teamgeist von soliden Fußballern fußballerische Lücken schließen kann.

Ein weiterer Kracher war die Interpretation von Handspiel durch Schiedsrichter Markus Schmidt im Spiel Schalke vs. Eintracht Frankfurt ( 2:2 ). Dies ahnend meinte vor Spielbeginn der WDR2 Moderator Sven Pistor: „ Schalke 04 ist der Verein für Anhänger mit manisch-depressiver Persönlichkeitsstruktur“. Drei Platzverweise ( zwei gegen S04, einer gegen die Eintracht) sorgten für die Grundstimmung. Darauf baute sich die Stimmung auf, als mit einer Bewegung zum Ball ein Schalker einen Regelverstoß unternahm, der nicht zu einem Elfmeter führte. Umgekehrt bekam beim Fallen ein Frankfurter aus kürzester Entfernung einen Ball an die Hand geschossen, der zum Elfmeter für Schalke führte. Trainer verlieren da schon einmal die Contenance. Hinzu kam in zwei Spielen eine geradezu gegensätzliche Auslegung, was „passives Abseits“ ist und was nicht. Darauf auch noch einzugehen, würde zu weit führen. Beim 1 : 1 gegen Maribor (Slowenien) wurde Pistors Einschätzung bestätigt.

Für die Nachspielzeit in Freiburg vs. Hertha BSC Berlin ( 2: 2 ) hätte es einen Topzuschlag geben müssen. Freiburg führte 2 : 1 nach 90 Minuten und das auch nach den angegebenen vier Minuten danach. Der Schiedsrichter ließ munter weiter spielen. In der 96. Minute gab es für Berlin dann noch einen Freistoß. Vom Schiedsrichter ungestraft behinderte der Berliner Heitinga Freiburgs Torhüter beim Stellen der Abwehrmauer. In diese Abwehr dirigierte Herthas Torhüter Kraft einige seiner Mitspieler, um das Bollwerk zu durchlöchern. Da gab es Gerangel ohne Ende. Der Schiedsrichter ließ das ungerührt zu. Der danach abgefälschte Schuss landete zum Ausgleich im Freiburger Tor. Freiburgs Trainer Streich, mit seinen Nerven am Ende, sagte nur noch völlig erschöpft: „ Ich hoffe, dass ich so etwas nie mehr erleben muss.“

Es hilft alles nichts. Das Spiel ist so schnell und kompliziert geworden, dass nationale und internationale Fußballverbände in die Ausbildung der Unparteiischen investieren müssen. Was nützen Blindgänger als Linienrichter oder als Torrichter, die dem die Verantwortung tragenden Hauptschiedsrichter eher hinderlich sind. Dass jüngst ein unkorrektes Tor nur deshalb anerkannt wurde, weil die Sprechverbindung ausfiel, sei nur der Vollständigkeit hier vermerkt.

Das große Theater Fußball wäre allerdings nicht vollständig ohne die Akrobaten des Wortes am Mikrofon. Eine „Kaffeefahrt mit Heizdeckenverkauf“ war nach dem Reporter die Fahrt des SV Werder Bremen nach Augsburg. Dort verlor man 4 : 2.Sein Kollege fragt beim Spiel VfB Stuttgart vs. Hoffenheim ( 0 : 2 ): „Was machen die Stuttgarter Stürmer zur Zeit eigentlich beruflich ?“

Bizarr war das Spiel der Bayern in Moskau. Sie gewannen 1 : 0 im leeren Stadion. Wegen rechtsradikaler rassistischer Äußerungen hat die UEFA die Russen ausgesperrt. Warum sie auch gleich die Münchener Fans mit ausschloss, bleibt das Geheimnis der Funktionäre.

Freude außerhalb des Fußballs bereiten auch die Bonmots aus den Bereichen Umgang mit der Sprache oder mit Zahlen, Geographie oder Mann mit Frau und umgekehrt.
Einige Beispiele:
Aus der FAZ: „ Vor vier Jahren haben insgesamt 44 Milliarden Zuschauer die Spiele in Südafrika verfolgt. Rekordverdächtige Einschaltquoten lassen nun noch mehr Fans erwarten.“ Der nächste FAZ-Gag folgte sogleich: „ Mehr als die Hälfte der Milliardäre hat ihr Vermögen selbst aufgebaut, vier Viertel zumindest teilweise.“
Da waren offensichtlich keine klugen Köpfe dahinter. Wo sind diese Friteusentaucher zur Schule gegangen ?
Der Landesbund für Vogelschutz plakatierte in Nürnberg: „ Mitvögeln wird Nürnberg lebendiger.“ Da haben sie ohne Zweifel recht.
Die Thüringische Landeszeitung weist auf die Frankreichreise ihrer Leserin hin. „Es war sehr beeindruckend, am Meer zu stehen, sagte J.L., die vom Strand des Pazifischen Ozeans begeistert war.“ Nicht so weit ging es für die Rheinische Post. Für den Stadtdirektor geht es in den Norden. „ Wir machen eine Nordseetour. Erst eine Woche Sylt, dann eine Woche Rügen.“ Geographie muss wieder Hauptfach werden.

Dortmund und Leverkusen liegen auf Kurs. Gelingt es Schalke, nicht nur im Ruhrderby gut zu spielen, dann kommen sie auch wie die Bayern, der BVB und Leverkusen ins Achtelfinale der Champion’s League.

Siegbert Heid, 2.10.2014

Der Steilpass – Juni 2014

PSB Glosse
Der Steilpass im Juni 2014
Eine Glosse von Siegbert Heid

Die Wochen nach einer Bundesligasaison und vor einer Fußballweltmeisterschaft öffnen den Blick für neue Horizonte. Das dachte sich auch der Redakteur des „Soester Anzeigers“, als er seinen Artikel mit der Überschrift: „ Die meisten Babys verstehen Chinesisch“ versah. Zu meinem Leidwesen muss ich gestehen, dass ich Chinesisch inzwischen verlernt habe. Es wieder zu lernen, wird sicherlich einfacher sein, als Sepp Blatter beizubringen, dass man Wiederwahl oder Vergabe einer Fußball-WM auch korruptionsfrei vornehmen kann. Wie wäre es, man vergibt neu die Weltmeisterschaft 2022 nach Australien vor der Vergabe 2026 nach Quatar und zwar dann in die angenehmen dortigen Wintertemperaturen ? Für den Sepp ist das eine sicherlich zu schlichte Denkweise. Mich würde aber interessieren, wie meine Leser das sehen. Der Soester wird aber von einem Kollegen der FAZ noch übertroffen. Dieser weist darauf hin, dass Fußballer nicht gut reden können müssen. Man sollte es ihnen nachsehen, wenn sie „die Sprache handhaben wie Fische Fahrräder“. Wie machen die das?

Ich habe einmal die Summe der Weltranglistenplätze in jeder Gruppe ermittelt. Danach sind m.E. die Gruppen am ausgeglichensten, d.h. am schwierigsten, die die niedrigste Gesamtzahl aufweisen. So waren die Gruppen Italien, Uruguay, England, Costa Rica und Deutschland, Portugal, Ghana, USA mit Abstand die stärksten Gruppen. Dann kommt lange nichts. Am leichtesten hatten es die Argentinier mit Iran, Nigeria, Bosnien-H’gowina.

Aufgefallen ist mir, dass sich vor Anpfiff des ersten Spiels vornehmlich Ökonomen mit Vorhersagen tummelten. Das sind die, die in der Regel börsenrelevant falsch liegen, aber wie Stehaufmännchen anschließend erklären können, warum ihre Prognose nicht eintraf. Prof. Vecer ist an Frankfurts Uni zuständig für das Finanzwesen. Er hat statistisch festgestellt,  dass Flanken eine Verschwendung von Chancenpotential ist. Was war in den ersten Spielen passiert? Die meisten Tore fielen durch Flanken oder Eckbälle, die ja auch  Flanken sind. Damit war er mit seiner Hypothese aus dem Rennen.

Das aber ließ das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) nicht ruhen. Ihre Hypothese lautete: Geld schießt Tore. Danach wird Spanien wieder Weltmeister, weil es die teuerste Mannschaft hat (Marktwert 622 Millionen). Prompt wurden sie von den Niederlanden mit 1 : 5 und von Chile mit 0 : 2 entzaubert. Das deutsche Team wird nach DIW als zweitteuerste Mannschaft im Achtelfinale gegen Russland, im Viertelfinale gegen Frankreich und im Halbfinale gegen Brasilien spielen. Hoffen wir, dass sie nicht so schnell entzaubert werden. Irgendeiner im Institut hat dann doch noch die Kurve gekriegt. Er äußerte bei der Qualität der Besten entscheide die Tagesform und der Zufall. Damit liegt er zumindest richtig. Darauf wären wir alle nicht gekommen. Der Filou macht sich damit unangreifbar.

So sind wir bei den ARD/ZDF Reportern angekommen. Da erkannte Tom Bartels beim Spiel Uruguay vs. Costa Rica 1 : 3: „In den ersten dreißig Minuten hat U. den Zufall mit eingeplant.“  Beim Spiel Argentinien vs. Bosnien-Herzegowina 2 : 1 sind die „argentinischen Zuschauer hörbar leise geworden“ und „die nächsten Gegner werden sich beim Zusehen die Fingernägel abgeknabbert haben“. Auch das Spiel Schweiz vs. Ecuador 2 : 1 muss festgehalten werden. Reporter Wolf Dieter Poschmann foulte aus Ärger über das langweilige Spiel der Eidgenossen zunächst in Richtung Shaquiri: „Da hat das Müsli vorher nicht gestimmt“ und über das Passspiel „wenn die Pässe so präzise wären wie die Frisur sitzt“ oder „der bei der Schweiz, der den Ball hat, ist die ärmste Sau“. Es machte sich nämlich keiner die Mühe, in der Hitze sich frei zu laufen. Dann kam auch hier der Spray des Schiedsrichters vor dem Freistoß zur Anwendung. Herrlich, wie der Schiri einem Schweizer, der nicht zurück wollte, einfach den Spray über die Schuhe zog und ihn ermahnte, jetzt sich ja nicht mehr zu bewegen. Da sind  auch Scherzkekse unterwegs.

Leider war in den Gruppenspielen die Leistung der Schiris zum Teil erschreckend schwach oder man bevorzugte gleich ganz offen den Gastgeber Brasilien wie es der aus Japan gleich beim ersten Spiel praktizierte mit einem Elfmeter als Gastgeberbonus. Brasilien vs. Kroatien 3 : 1 hatte größte Mühe. Oscar schoss das dritte Tor mit dem letzten Tropfen Benzin, d.h. mit der Pike.
Beim Spiel Mexiko vs. Kamerun 1 : 0 schossen die Latinos zwei und die Afrikaner ein korrektes Tor. Alle drei wurden nicht anerkannt. Dieser Schiri kam aus Kolumbien. Jetzt fragen alle, warum der kolumbianische Schiedsrichter Clavijo, der als Linienrichter tätig war und zwei korrekte Tore der Mexikaner als Abseits bewertete, von der FIFA nicht mehr eingesetzt wird und die FIFA darüber extra eine Presseerklärung abgibt? Katastrophale Leistungen der Unparteiischen quittiert man in der Regel mit Schweigen und stiller Suspendierung vom Dienst. Was war hier vielleicht im Spiel?

Zur Unterstützung der Schiedsrichter bestand dagegen die neu eingeführte Torlinientechnik ihren Härtetest bei einer ganz schwierigen Situation beim Spiel Frankreich vs. Honduras 3 : 0. Benzemas Schuss an den Pfosten war zunächst kein Tor. Dann zeigte das Gerät aber an, dass der Torwart anschließend den Ball selbst hinter die Linie beförderte. Das Gerät schaltete unmittelbar danach auf „Tor“ um. Das ist sehr zu begrüßen, auch für die Bundesliga. Kein Schiedsrichter hätte ohne diese Technik das Tor anerkannt. Der Schiedsrichter bekommt im Falle eines Tores ein Signal auf seine Uhr und weiß dann, der Ball war hinter der Linie. Beim Spiel Argentinien vs. Iran 1 : 0 lag der serbische Schiedsrichter Mazic einmal daneben und verweigerte bei einem klaren Foul den Iranern beim Stand von 0 : 0 einen Elfmeter. Erst in der Nachspielzeit rettete einmal mehr Messi die Latinos mit einem späten Tor. Dabei hatten sie von Anfang an mit ihrer kompletten Artillerie begonnen, nämlich mit Messi, Higuain und Agüero. Im Spiel Nigeria vs. Bosnien-H’gowina 1 : 0 erkannte der Schiedsrichter aus Neuseeland das 1 : 0 von Dzeko nicht an. Ein völlig korrektes Tor. Da muss man wieder einmal fragen, warum die FIFA nicht die besten Schiedsrichter zum Einsatz bringt, sondern einer Verteilung nach Kontinenten den Vorzug gibt.

Joachim Löw hat die Mannschaft in Südtirol auf den Wettbewerb vorbereitet, so gut es eben ging. Nach dpa ließ er sich von seiner Erfahrung leiten: „ Aus Erfahrung weiß ich, dass die Zeit bis zu einem Turnier immer kürzer wird.“ Darauf kommt man nicht so leicht.
Das fulminante 4 : 0 der deutschen Mannschaft vs. Portugal hatte auch in der Art, wie es herausgespielt wurde, niemand erwartet. Ronaldo zeigte „Übersteiger“ ohne Ende, blieb aber wirkungslos. Dann machten ihn die deutschen Abwehrspieler auch noch lächerlich. Er, der die Freistöße wie ein Erschießungskommando zelebriert, wusste zweimal nicht, was er machen sollte. Die Deutschen ließen ihn nämlich schießen und stellten gar keine Abwehrmauer auf. Härter kann es einen nicht treffen.

Den angekündigten Kampf auf Biegen und Brechen lieferte beim 2 : 2 Ghana der deutschen Mannschaft. Die Deutschen konnten Stand halten. Müller, einst von Trainer Gerland „Radio Müller“ genannt, weil immer auf Sendung, außerhalb wie innerhalb des Platzes, war nicht so dominant. „Aber sie waren ein Team“, meinte Reporter Bartels, „ vom Kapitän bis zum letzten Mitarbeiter, dem Teammanager.“ Diesen Ausrutscher korrigierte er sofort. Mir hat er gut gefallen, bestätigt er meine Meinung zu Bierhoff. Erinnern wir uns: In Ghanas Team standen sechs Spieler, die als U21 gegen Brasilien schon einmal Weltmeister wurden. Mit dem Schlusspfiff erlitt Müller um die Augenbraue eine Platzwunde, die stark blutete. Er sei siebenmal genäht worden, wusste Moderator Opdenhövel. „Was“ staunte Mehmet Scholl, war das etwa der Zeugwart ?“ Die beiden flachsen sich bei inhaltlicher Tiefe trotzdem die Bonmots zu, wie das im ZDF die beiden Oliver, nämlich Welke und Kahn auch tun. Das ist eine sehr erfreuliche Entwicklung.

Lieb gewonnen habe ich den Iraner Timotian. Beim Spiel Iran vs. Nigeria 0 : 0 mähte er seine Gegenspieler erst um und half ihnen dann – ganz Kamerad – wieder auf die Beine. Hatte ein Gegenspieler nach einer Attacke einen Wadenkrampf, half er ihm selbstlos wie er nun mal ist, flugs wieder auf die Beine. Erst kurz vor Schluss raffte es auch der Schiedsrichter und zeigte ihm die gelbe Karte.
Aufgrund der äußeren Bedingungen schöpfen die Trainer ihr Einwechselpotential voll aus. Das war in der Zeit, in der Heinz Höher noch Amateurnationalspieler war ( Ende der 50-iger, Anfang 60-iger Jahre ) noch nicht möglich. Einmal wurde ihm bei einem Olympiaqualifikationsspiel das Schienbein aufgeschlitzt. Das Blut strömte. Trainer Georg Gawliczek schrie ihn an: „ Wenn Du jetzt rausgehst, operiere ich Dich und zwar sofort hier auf dem Platz !“ Höher hielt aus Angst vor G. bis zum Ende durch.

Recht früh im Turnier gab es die erste Sensation. Spanien, Weltranglistennummer 1, schied als erstes Team aus dem Turnier. „Canarias7“, sonst nicht verlegen in derber Fußballsprache, rang mit den Worten, um neue negative Sprachgipfel zu erklimmen. Ich will es anders erklären: 1588 ging die Weltseemacht Spanien mit ihren großen und übermächtigen Schiffen im englischen Ärmelkanal unter. Was war passiert ? Die zahlenmäßig weit unterlegenen Engländer mit ihren niederländischen Verbündeten – die fürchteten um ihre Seehäfen – nervten die an sich weit überlegene Armada mit ihren kleinen wendigen Kriegsschiffen und schickten die Dickschiffe nacheinander auf den Boden der Nordsee.

Mit Tiki-Taka, den kurzen scharf und schnell zugespielten Pässen, bei dem der Gegner nach ca. 25 Minuten nur noch hinterher hechelt, eroberten die Spanier die Weltmacht im Fußball. Zwei Europameisterschaften hintereinander und eine Weltmeisterschaft belegten die Überlegenheit dieser Strategie. Da andere Fußballnationen auch nicht blöd sind, wurden Gegenstrategien entwickelt. Diese führten die Holländer und Chilenen vor. Dagegen hatte man spanischerseits keinen Plan B. Als erstes Team flogen sie geschlagen und gedemütigt nach Hause. Es schwang bei Reporter Gottlieb schon echtes Mitgefühl, als der gerade ausgewechselte Xavi auf der Bank aufstoßen musste. „ Xavi macht Bäuerchen“, war sein verständnisvoller Kommentar. In Spanien hat nicht nur ein König abgedankt. Moderator Opdenhövel meinte ätzend dazu: „ Schicken wir Tiki-Taka nach Taka-Tuka“? Guardiola muss sich zukünftig in München etwas einfallen lassen.

Es war nobel, als spanische Zeitungen wie El Pais nach der Kritik sich besannen und sich beim Team und Trainer Del Bosque für sechs wundervolle Jahre bedankten und sich vor der Mannschaft verneigten. Zum verflixten 7. Jahr hatte es nicht mehr gereicht. Emotionen, Zweikampfhärte, Körpereinsatz, Gerissenheit und Schnelligkeit als neue tragende Elemente im Spiel lassen Tiki-Taka so aussehen, wie wir Bayern München zuletzt gegen Real Madrid erlebten, als man über die Münchener sagen konnte: Die wollen ja nur spielen.

Nach der WM- Auslosung vor einem halben Jahr titelte die englische Sun in großen Lettern: „Gott helfe uns“. Er hat nicht geholfen. Mit ihnen schied ein weiterer ehemaliger Weltmeister aus. Es ist unglaublich, wie viel Fußballer in allen Teams spielen und ihr Geld in der englischen Premier League verdienen. Das genau ist das Problem der englischen Nationalelf. Talente werden nicht aufgebaut, weil ein fertiger Star aus der Portokasse des Scheichs schnell geholt ist. Das Ausscheiden ist wahrlich keine Überraschung.

Die Sportberichterstattung auf den Kanaren hat nach dem Scheitern Spaniens sofort umgeschaltet und seitenweise über das Aufstiegsspiel zur 1. spanischen Liga zwischen Las Palmas (Gran Canaria) und Cordoba berichtet. Das kann man nur mit dem „Bonner Generalanzeiger“ vergleichen, der auch jeden Pups eines amerikanischen Basketballspielers in den Diensten der Telekom abdruckt, obwohl das keinen Menschen interessiert. Nach dem
1 : 1 zwischen Las Palmas und Cordoba schrieb die Canarias7 ganze 23 Seiten über das Spiel. Cordoba steigt wegen eines Tores in der 94. Minute auf und wird statt Las Palmas in der kommenden Saison zum Prügelknaben der Primera División.

Nach Spanien räumten die Holländer auch Australien ab. Ihre Flexibilität war dominant. Die Aussies drehten in der Deckung fleißig die Betonmischmaschine und teilten mit ihrem eckig-kantigen Laufstil reihenweise Hämatome aus. Offensichtlich hatten sie in der Vorbereitung eine Rugbymannschaft mit hinzugezogen. Dagegen verteidigte man sich holländischerseits  mit hohen Bällen aus der Gefahrenzone. Robben: „ Ich habe in der 1. Halbzeit mehr Flugzeuge gesehen als Bälle bekommen.“ Es zeigte die Qualität der Holländer, dass sie sich mit 2 : 3 letztendlich doch durchsetzten. Das bestätigten sie mit dem 2 : 0 gegen Chile. Allerdings hatte der Holländer Blind seine Flex dabei, denn er mähte bei jedem Konteransatz der Chilenen den ballführenden Spieler um, um den Konter zu stoppen. Taktisches Foul nennt man diese Unsportlichkeit beschönigend. Nach dem gefühlten 25. Foul erhielt er vom Schiedsrichter aus Gambia die hochverdiente gelbe Karte. Gleichwohl hat van Gaal sein Ziel erreicht. Fünf Spieler in der Defensive überbrücken mit langen Bällen das Mittelfeld und vorne richten es die Weltklassespieler Robben und van Persie. Lediglich sein Intimfeind Cruyff zeigte sich nicht begeistert.

Ich kann mich nicht erinnern, eine italienische Mannschaft nach ca. 60 Minuten so platt erlebt zu haben, wie beim mit 1 : 0 verlorenen Spiel gegen Costa Rica. Nach der 60. Minute hat da jemand den Stecker gezogen. Dabei verwehrte der Schiedsrichter den Mittelamerikanern einen klaren Elfmeter. Kurz danach erzielten sie dann doch das 1 : 0. Reporter Tom Bartels:
„ Es gibt doch noch Gerechtigkeit auf der Welt.“

Diese Gerechtigkeit wurde aber im nächsten Spiel Schweiz vs. Frankreich 2 : 5 gleich infrage gestellt. Der Franzose Giroud verletzte den Schweizer Abwehrchef von Bergen so sehr, dass dieser mit einem Bruch der Augenhöhle ins Krankenhaus musste. Der holländische Schiedsrichter gab noch nicht einmal Gelb. Kurz danach köpfte dieser Schurke das 1 : 0 für Frankreich. Fast wäre es ihm gelungen, noch einen zweiten Schweizer krankenhausreif zu treten. So gut Frankreich gespielt hat, aber auf diesen Typen müssen die Unparteiischen achten. Genau das hat der Schiri von der Elfenbeinküste beim Spiel Frankreich vs. Ecuador
0 : 0 nicht gemacht. In der 87. Minute rammte Giroud seinem Gegenspieler den Ellbogen ins Gesicht. Obwohl es die Franzosen nicht nötig haben, war zu Anfang des Spiels sein Landsmann Sakho mit eben einer Tätlichkeit (auch ein Ellbogencheck) ungeahndet davon gekommen.

Wer sich an Filme mit Bud Spencer/Terence Hill oder die glorreichen Sieben erinnert, der weiß, wie Mexikaner fuseln können. So ist es auch in Brasilien. Die quirligen Fuzzies sind immer unterwegs. Ab der 70. Minute hatten sich die bis dahin tapfer wehrenden Kroaten die Hintern wund gelaufen, waren platt wie Flundern und verloren danach noch prompt mit 3 : 1. Dabei ist das Auftreten Mexikos, 0 : 0 gegen Brasilien, mehr als ein Achtungszeichen. So wurden sie 2012 in London Olympiasieger. Ähnlich wie Mexiko spielt Chile. Mit laufintensiver Rudelbildung auf den ballführenden Gegner schnüren sie den Gegner ein und stürmen über vertikal vorgetragene Angriffe. Brasilien wird sich im Achtelfinale warm anziehen müssen.

Eine Weltmeisterschaft lebt auch vom fröhlichen Favoritenabnippeln. Jetzt hat es Italien erwischt. Dabei standen ihnen zwei Draculas im Wege. Einmal hat Schiedsrichter Rodriguez aus Mexiko diesen Spitznamen, zum anderen benahm sich Uruguays Spieler Suarez so. Was war passiert ? Mitte der zweiten Halbzeit stellte der Mexikaner den Italiener Marchisio wegen eines eher harmlosen Fouls vom Platz. Kurz danach biss Suarez den Italiener Chiellini in die Schulter. Alle auf dieser Welt haben es gesehen, bis auf den Schiedsrichter und seinen Linienrichter. Danach gab es einen Eckball und Urus Kapitän Bodin köpfte zum 1 : 0 ein. Pirlo, mit dem Temperament einer Wanderdüne, gelangen zwar noch einige schmucke Pässe aus dem Fußgelenk, aber kein Tor. Einem Reporter erklärte ein Uru-Spieler den Grund für den Sieg in einfachen Worten: „ Mit dem Strick um den Hals spielst Du einfach engagierter.“ Hoffentlich ist Chiellini gegen Tollwut geimpft. Suarez ist nämlich ein Irrer. Suarez hat nicht zum ersten Mal gebissen. Einmal passierte das in den Niederlanden, zum anderen in England. Das ist ein Wiederholungstäter. An diesem Biss arbeiteten die Kommentatoren Kahn und Welke den Übergang zwischen Psychologie und Pathologie heraus. Wie einst bei Belá Rethys Anamnese statt Diagnose glänzten sie durch Nichtwissen. Jetzt ist der Beißer neun Spiele gesperrt. Hoffentlich erscheint er in Uruguays Mannschaft nie wieder.

Wir alle wissen, wie wichtig das Knie für jeden Fußballer ist. Jetzt wurden schon zwei Tore mit diesem Körperteil erzielt. Einmal von Götze, der vorher noch seine Nase an den Ball brachte und nun vom Argentinier Rojo im 3 : 2 gewonnenen Spiel gegen Nigeria, der besten afrikanischen Mannschaft. Aber auch die Argentinier, die bisher nur von Messi am Leben gehalten wurden, werden immer besser. Das scheint auch eine echte Turniermannschaft zu sein.

Portugal und Ghana ( 2 : 1 ) haben sich verabschiedet. Deutschland, dank des 1 : 0 durch den Starkstromfußballer Müller sind wie die USA eine Runde weiter. Ein überragender Jermaine Jones bei den USA allein reichte nicht aus. Belgien ist mit drei Siegen weiter, Algerien reichte das 1 : 1 gegen Russland.

Nun werden in den KO-Spielen die Karten neu gemischt. Unter den ersten 10 der Weltrangliste sind Deutschland ( 2 ), Brasilien ( 3 ), Argentinien ( 5 ), Schweiz ( 6 ), Uruguay ( 7 ), Kolumbien ( 8 ), also sechs von zehn weiter. Bis auf Ecuador sind alle fünf südamerikanische Teams noch im Wettbewerb. Sie messen sich mit sechs europäischen Mannschaften, zwei afrikanischen und dreien aus Mittelamerika, inclusive USA. Asien und Australien/Ozanien sind nicht mehr dabei.

Am Morgen danach, meinte der Moderator im WDR, dass heute (27.06.) spielfrei sei, da könne man tolle Sachen machen. Ein Hörer aus Wanne-Eickel bestätigte das umgehend und schlug vor, man könne sich mal wieder mit seiner Frau unterhalten.

Die Idee ist so originell wie der Witz, den ich tags zuvor in der FAZ las. Der polnische Außenminister Sikorski speiste mit dem ehemaligen polnischen Finanzminister Nincent-Rostowski. Sikorski erzählt ihm von dem alten Herrn, der in ein vornehmes Warschauer Bordell geht. Sagt die Puffmutter ganz überrascht zu ihm: „ Sie sind ja heute schon zum dritten Mal da!“ Da antwortet der Caballero: „ Verdammt, mit dieser Vergesslichkeit bumse ich mich noch zu Tode.“

Siegbert Heid, 30.06.14